Aktuelles Filmsymposium

Film als Forschungsmethode

22. Internationales Bremer Symposium zum Film

Film für die Forschung einzusetzen und daraus eine Methode zu entwickeln, kann sehr unterschiedliche Formen annehmen. So kann der Film in zahlreichen Anwendungsfeldern der Natur- und Humanwissenschaften Bewegungsabläufe sichtbar machen, erfassen und archivieren. Als Filmessay kann Film analog zum philosophischen Essay als Methode des Denkens und Schreibens eingesetzt werden. Zudem kann Film als Quelle in der Geschichtsschreibung dienen oder als audiovisuelle Form eine Geschichte der Vorstellungen und Wünsche der Menschen entwerfen. Schließlich liefert Film im Kontext der künstlerischen Forschung methodische Zugänge zum Schnittfeld von Wissenschaft und Kunst, die vom Experimentalfilm über den Dokumentarfilm bis hin zu zeitgenössischen Formen der „interactive documentaries“ und Video-Essays reichen – aber auch Spielfilmformate umfassen.

Das 22. Internationale Bremer Symposium zum Film will die interdisziplinäre Bedeutung von Film als Forschungsmethode zum Thema machen. Hierzu sind Vertreter_innen aus Film-, Kultur- und Geschichtswissenschaft, sowie angrenzender Gebiete eingeladen. Filme werden im Hinblick auf ihre Praxis im Rahmen der Forschung befragt, im Kino gezeigt und in Gesprächen mit Filmemacher_innen diskutiert.

Keynotes:
Paolo Favero (Antwerpen), Sylvie Lindeperg (Paris), Catherine Russell (Montreal)

Die Idee, den Film als Medium der Forschung zu nutzen, ist so alt wie der Film selbst. Bereits Ende des 19. Jhs. wurde der Kinematograph der Brüder Lumière in Kliniken genutzt, um krankhafte Zustände von Patienten zu dokumentieren und um eine Methode der Sichtbar-machung und Diagnose psychischer Krankheiten zu entwickeln. In den 1950er Jahren wurde dieser Ansatz erneut aufgegriffen und erweitert. Ein Projekt des wissenschaftlichen Films machte es sich zur Aufgabe, eine Encyclopaedia Cinematografica zu erstellen. Das Verhalten von Dingen, Pflanzen, Tieren und Menschen wurde aufgezeichnet, um ein umfassendes Archiv von Bewegungsvorgängen aller Art anzulegen. Das Vorhaben wurde von internationalen Forschern aus Naturwissenschaften, Psychologie und Ethnologie vorangetrieben. Auch hier war das Ziel, Bewegungsmuster sichtbar zu machen und zu klassifizieren, um auf diese Weise Gesetzmäßigkeiten und Abweichungen zu erfassen und zu systematisieren. Ähnliche Verfahren der Visualisierung und Aufzeichnung sind bis heute Bestandteil zahlreicher Forschungsdesigns der Natur- und Humanwissenschaften und bringen hierbei eigene Formen der Ästhetik hervor.

Mit Rückgriff auf den Avantgardefilm, der das Medium Film selbstreflexiv erforscht, wurden in jüngster Zeit u.a. vom Sensory Ethnography Lab der Harvard University Forschungsansätze entwickelt, die sich im Grenzbereich von Wissenschaft und Kunst bewegen. Diese erreichen auf Festivals und im Kunstkontext ein großes Publikum. Stärker auf Netzwerke und soziale Bewegungen sind kollaborative Produktionen ausgerichtet: Sie bearbeiten Fragestellungen von sozialwissenschaftlichem Zuschnitt und werden als „interactive documentaries“ gefasst. In der Filmwissenschaft hat sich das Genre „Video-Essay“ als kleine Form etabliert, die die klassisch schreibende Tätigkeit des Faches audiovisuell erweitert. Diese und ähnliche Ansätze zielen auf eine Ästhetisierung von Wissenschaft, auf eine Kritik wissenschaftlich-medialer Beobachtung und auf eine Diversifizierung von textbasierter Erkenntnisproduktion.

Charakterisierungen eines Filmschaffens im Grenzbereich von Kunst und Wissenschaft finden sich bereits in den 1940er Jahren unter dem Stichwort „Filmessay“ beim Filmemacher und Theoretiker Hans Richter (1992). Dieser leitet den Filmessay vom Dokumentarfilm ab und stellt heraus, dass dieser eine Beweisführung unternehme, „die zum Ziele hat, Probleme, Ge-danken, selbst Ideen allgemein verständlich zu machen“. Hierzu stehen dem Film alle Mittel offen, sofern sie als Argument für den Gedanken dienen. Richter nennt ausdrücklich nicht nur dokumentarische Formen, sondern auch die phantastische Allegorie und die Spielszene.

Der Filmemacher und Theoretiker Alexandre Astruc (1992) formuliert es im Jahr 1948 noch radikaler: „heute würde Descartes sich bereits mit einer 16-mm-Kamera und Film in sein Zimmer einschließen und den ‚Discours de la méthode‘ als Film schreiben“. Astruc überträgt die Arbeit des Philosophen, der die Grundlagen für ein modernes Wissenschaftsverständnis gelegt hat, auf die Filmpraxis. Der Discours, dessen vollständiger Titel in deutscher Über-setzung „Abhandlung über die Methode, seine Vernunft gut zu gebrauchen und die Wahrheit in den Wissenschaften zu suchen“ lautet, ist geprägt von einer Subjektzentrierung, die sich gegen die Tradition der Scholastik richtet. Der Zweifel und das Studium der Welt gelten neben seiner metaphysischen Ich-Setzung als die zentralen Erkenntnismittel. Astruc fordert schließlich eine theoriegeleitete Erkenntnisform für den Film, die sich auf Literatur und Philosophie ebenso bezieht, wie auf Mathematik und Geschichte.

Siegfried Kracauer (1969) hat insbesondere die Geschichtsschreibung und parallel dazu den Film in eben jenem Grenzbereich zwischen Kunst und Wissenschaft verortet und dabei sowohl den Zusammenhang von Ästhetik und Wissenschaftsproduktion herausgestellt, als auch die Medialität von Geschichte betont. Filmemacher wie Alain Resnais, Claude Lanzmann oder Edgar Reitz haben in Kooperation mit Historikern Formen filmischer Geschichtsschreibung erprobt. Die Geschichtswissenschaft hat den Film folglich nicht nur als Quelle in ihr Methoden-spektrum aufgenommen, sondern die Geschichtsschreibung selbst als poetologisches und mediales Verfahren weiter entwickelt. Vor allem Marc Ferro (1977) hat in diesem Sinne eine Geschichte der Vorstellungen und Wünsche der Menschen in Aussicht gestellt und dabei die unterschiedlichsten Filmformen in den Blick genommen. In seiner langjährigen Arbeit für das Fernsehen (Histoire Parallèle / Die Woche vor 50 Jahren) nimmt seine forschende Praxis schließlich audiovisuelle Gestalt an. Eine Aktualisierung dieser Methode wird sich heute mit digitalen und netzbasierten Formaten verbinden.

Das 22. Internationale Bremer Symposium zum Film möchte zum interdisziplinären Austausch über historische und zeitgenössische Ansätze von Film als Forschungsmethode einladen. Ziel ist es auszuloten, wie mit Film forschend gearbeitet werden kann. Die Konferenz setzt sich aus Vorträgen, Diskussionen, Filmvorführungen und Gesprächen zusammen und wird vom 3.-7. Mai 2017 im Kommunalkino Bremen / CITY 46 stattfinden.

Verwendete Literatur:
Astruc, Alexandre (1992) Die Geburt einer neuen Filmavantgarde: die Kamera als Federhalter [1948]. In: Blümlinger/Wulff (Hg.) Schreiben Bilder Sprechen. Texte zum essayistischen Film. Wien, S. 199 – 204.
Ferro, Marc (1977) Cinéma et histoire, Paris 1977.Kracauer, Siegfried (1969) History – The last things before the last. New York.
Richter, Hans (1992) Der Filmessay. Eine neue Form des Dokumentarfilms [1940]. In: Blümlinger/Wulff (Hg.) Schreiben Bilder Sprechen. Texte zum essayistischen Film. Wien, S. 195 – 198.

Das Symposium ist eine jährliche Kooperationsveranstaltung der Universität Bremen | Fachbereich 9 und dem Kommunalkino Bremen e.V.CITY 46 in Verbindung mit weiteren Kooperationspartnern.

Kontakt:
Rasmus Greiner
Universität Bremen 
rgreiner[at]uni-bremen.de

Louisa Manz
City 46 | Kommunalkino Bremen e.V.
manz[at]city46.de