Aktuelles Filmsymposium

Foto: Steven Keller

Grenzüberschreitendes Kino

23. Internationales Bremer Symposium zum Film

Seit seiner Erfindung erzählt das Kino von den Praktiken der Grenze: von den Erfahrungen des Überschreitens nationaler Grenzen, von der Abschaffung von Grenzanlagen oder von der Neuerrichtung von Grenzzäunen. Bereits sehr früh ist das Kino Teil einer globalen Ökonomie, sowie auch verbunden mit Kolonialismus und einer Aneignung der Welt durch Bilder. Filme sind selbst spezifische Produkte im globalen Warenverkehr, die zugleich ihre Grenzüberschreitung sichtbar, hörbar, erzählbar – und damit auch verhandelbar – machen.

Grenzüberschreitendes Kino wird mit bestimmten Figuren verbunden: mit Vagabunden, Migranten, Handelsreisenden, Touristen oder Terroristen – aber auch mit Fremden oder Außerirdischen. Grenzüberschreitendes Kino ist nur scheinbar festgelegt auf klassische Genres wie Roadmovie, Western, Kriegsfilm, Science-Fiction oder auf zeitgenössische Ausprägungen wie dem postkolonialen und transnationalen Kino. Als ein genuines Bild der Bewegung durchzieht das grenzüberschreitende Kino vielmehr die unterschiedlichsten Formen wie Hollywoodfilm, Dokumentarfilm, Autorenfilm, Essayfilm etc. Von seinen Anfängen bis in die Gegenwart scheint gerade das Kino ein prädestiniertes Medium zu sein, Grenzüberschreitungen zu inszenieren, zu reflektieren – aber auch zu dokumentieren – und auf diese Weise Grenzpraktiken zu gestalten.

Das Symposium lädt im Anschluss an zeitgenössische Studien zum Migrationskino und zum transnationalen Kino, sowie im Kontext der interdisziplinären Border Studies internationale Fachleute ein, um über ein grenzüberschreitendes Kino nachzudenken. Im Zentrum stehen dabei unter anderem neue Formen eines kosmopolitischen Kinos, die Grenzen Europas, die Grenzen Amerikas, sowie Genre-Grenzen.

Delia González de Reufels, Winfried Pauleit, Angela Rabing, Christine Rüffert
Universität Bremen

Datum und Veranstaltungsort:

25.-29. April 2018
CITY 46 Kommunalkino Bremen

Kontakt und Info:

Angela Rabing
Universität Bremen
rabing[at]uni-bremen.de

Karolin Leitermann
City 46
leitermann[at]city46.de

Die Idee, den Film als Medium der Forschung zu nutzen, ist so alt wie der Film selbst. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts zeichneten wissenschaftliche Filme Dinge, Pflanzen, Tiere und Menschen auf. Mit Rückgriff auf den Avantgardefilm, der das Medium Film selbstreflexiv erforscht, wurden in jüngster Zeit Forschungsansätze entwickelt, die sich im Grenzbereich von Wissenschaft und Kunst bewegen. Diese erreichen auf Festivals und im Kunstkontext ein großes Publikum.

Siegfried Kracauer (1969) hat insbesondere die Geschichtsschreibung und parallel dazu den Film in diesem Grenzbereich zwischen Kunst und Wissenschaft verortet und dabei sowohl den Zusammenhang von Ästhetik und Wissenschaftsproduktion herausgestellt als auch die Medialität von Geschichte betont. Filmemacher*innen haben wiederum in Kooperation mit Historiker*innen Formen filmischer Geschichtsschreibung erprobt.

In der Filmwissenschaft hat sich das Genre „Video-Essay“ als kleine Form etabliert, die die klassisch schreibende Tätigkeit audiovisuell erweitert und an Formen des Essayfilms anknüpft. Diese und ähnliche Ansätze zielen auf eine Ästhetisierung von Wissenschaft, auf eine Kritik wissenschaftlich-medialer Beobachtung und auf eine Diversifizierung von textbasierter Erkenntnisproduktion.

Das 22. Internationale Bremer Symposium zum Filmdt zum interdisziplinären Austausch über historische und aktuelle Ansätze von Film als Forschungsmethode ein und gemeinsam auszuloten, wie mit Film forschend gearbeitet werden kann. Die Konferenz setzt sich aus Vorträgen, Diskussionen, Filmvorführungen und Gesprächen zusammen und wird vom 3. – 7. Mai 2017 im CITY 46 / Kommunalkino Bremen stattfinden. Mit dieser Mischung aus Forschung und Filmkultur wendet sich die Konferenz sowohl an Fachbesucher*innen als auch an das Kinopublikum.

Flankiert werden die Vorträge, Gespräche und Diskussionen durch ein umfangreiches Filmprogramm, das ein Kaleidoskop an filmischen Forschungsansätzen aus aller Welt zeigt – vom Beginn der Filmgeschichte bis in die Gegenwart, in verschiedenen Formen, experimentell, dokumentarisch und fiktional.

Im Stummfilm Der Mann mit der Kamera (UdSSR 1929, mit Livemusik-Begleitung von Eunice Martins) untersucht der russische Filmemacher Dziga Vertov die Bewegungen einer Großstadt und ihres Alltags – vom Erwachen der ersten Bewohner über die Arbeit bis hin zu ihren Beschäftigungen nach Feierabend. In dem US-amerikanischen Spielfilm Dressed to Kill (USA 1980) vermisst das Sounddesign die akustische Atmosphäre eines Museumsraumes. Den harten Alltag von Hochseefischern vor der Küste Neu Englands porträtiert die Kamera der Anthropologen und Filmemacher Lucien Castaing-Taylor und Véréna Paravel im experimentellen Dokumentarfilm Leviathan (USA/F/GB 2012), während sich Der Perlmuttknopf (F/CHI/E 2015) mit den dunklen Kapiteln der Diktatur in Chile befasst.

Die wissenschaftlichen Schwerpunkte der Tagung werden von drei Hauptvorträgen und vier Foren gesetzt. In ihnen loten internationale Vertreter der Film- und Medienwissenschaft, aber auch der Philosophie, Geschichte und Ethnologie aus, wie mit Film forschend gearbeitet wird und wurde.

Zu den Referent*innen zählen:

  • die Historikerin Sylvie Lindeperg (Paris), die die Verbindung zwischen Kino, Erinnerung und Geschichte anhand von Memories of the Eichmann Trial (ISR 1979) erforscht

  • der visuelle Anthropologe Paolo Favero (Antwerpen), der zeitgenössische Entstehungsprozesse von Bildern in Indien untersucht, die einen Gegenentwurf zum Ansatz von Robert Gardners Film Forest of Bliss (USA 1986) bilden

  • die Filmwissenschaftlerin Catherine Russell (Montreal), die sich am Beispiel von Los Angeles Plays Itself (USA 2003) mit Fragen vom Film als Archiv auseinandersetzt

Des Weiteren diskutieren Wissenschaftler*innen in vier Foren, welche Methoden zur Erforschung von Produktion, Geschichte, Orten und Naturwissenschaften Filme entwickeln können. Drei Wissenschaftler*innen stellen die im Kontext ihrer Forschung entstandenen Filme zur Diskussion. Der österreichische Filmemacher Michael Palm (Wien) präsentiert seinen neuen Film Cinema Futures (A 2016), der die Zukunft von Film und Kino im Zeitalter digitaler Techniken erkundet.

Das Internationale Bremer Symposium zum Film wird seit über 20 Jahren erfolgreich in Kooperation des CITY 46 / Kommunalkino Bremen e.V. und der Universität Bremen veranstaltet. Seit 2002 unterstützt die nordmedia – Film- und Mediengesellschaft Niedersachsen/Bremen mbH das Projekt.

Download Abstracts (Foren)

Timetable

Dienstag, 24.04.2018

19:00 Uhr: Film

   El Norte - Der Norden
       USA 1983, R: Gregory Nava, 142 Min, OmengU. * mit Einführung von Delia González de Reufels

Mittwoch, 25.04.2018

19:00 Uhr: Vortrag 1

   | Filmische Welten: Zur kosmopolitischen Theoriebildung im Kino
       Matthias Christen & Kathrin Rothemund (Bayreuth)

20:30 Uhr: Film zu Vortrag 1

   The World - Shijie
       CHI 2004, R: Jia Zhangke, 135 Min., OmengU * mit Einführung von M. Christen und K. Rothemund
       * in Kooperation mit dem Konfuzius-Institut Bremen

Donnerstag, 26.04.2018

10:00 Uhr: Forum 1: Kosmopolitisches Kino

   10:00 Uhr: Grenzüberschreitung als Gefühl
       Migration als mediale Zirkulation
       Hauke Lehmann (Berlin)
   10:45 Uhr: Exil als Erkenntnismöglichkeit durch Grenzüberschreitung der Exterritorialität
       Anke Zechner (Frankfurt am Main)
   11:40 Uhr: Reimagining French Immigrant Descent Youth in Sciamma's Girlhood (2014)
       and Benyaminas's Divines (2016)
       Transcultural Identities, Symbolic Borders and Third Spaces
       Olesya Dronyak (Deusto) * in englischer Sprache
   12:25 Uhr: Brazilian Cinema Goes Global: An Analysis of Aquarius (2016) Festival Tour
       Humberto Saldanha (Cork)

14:30 Uhr: Film zu Forum 1

   Bande de Filles
       F 2015, R: Céline Sciamma, 113 Min., OmU * mit Einführung von Olesya Dronyak

16:45 Uhr: Vortrag 2

   | Unfolding Borders: Filming Territory in the Age of Globalization
       Laura Rascaroli (Cork)

20:00 Uhr: Film zu Vortrag 2

   Sacro GRA – Das andere Rom
       I 2013, R: Gianfranco Rosi, 93 Min., OmU * mit Einführung von Laura Rascaroli

Freitag, 27.04.2018

10:00 Uhr: Forum 2: Grenzen Europas

   10:00 Uhr: Demarkationen, Barrieren, Grenzen
       Reflexionen über einen Topos im arabischen Filmschaffen
       Evelyn Echle (Berlin und Zürich)
   10:45 Uhr: Geraubte Sichtbarkeit und "Cinematic Justice"
       Filmische Grenzkorrektur
       Iris Fraueneder (Zürich)
   11:40 Uhr: Towards a Typology of Crossing Borders in Popular European Cinema
       Anders Marklund (Lund) * in englischer Sprache
   12:25 Uhr: Nation, Patriarchy and the Capitalist Death Drive in Catalan Science-Fiction
       Aidan Power (Cork) * in englischer Sprache

14:30 Uhr: Film zu Forum 3

   Nothing But a Man
      
USA 1964, R: Michael Roemer, 95 Min., OV * mit Einführung von Severin Müller

16:45 Uhr: Vortrag 3

   | Border Futures: Migrant Labor and the Frontiers of Security
       Camilla Fojas (Virginia)

20:00 Uhr: Film zu Vortrag 3

   Sleep Dealer
       MEX/USA 2008, R: Alex Rivera, 90 Min, OmU * mit Einführung von Camilla Fojas
   |  Vorfilm: Ramona
       USA 1910, R: D.W. Griffith, 17 Min, stumm * mit Einführung von Olaf Stieglitz

22:00 Uhr: Film zu Forum 3

   Sicario
       USA 2015, R: Denis Villeneuve, 121 Min, OmU * mit Einführung von Martin Holtz

Samstag, 28.04.2018

10:00 Uhr: Forum 3: Grenzen Amerikas

   10:00 Uhr: Bordered Lands
       Die Visualisierung des Grenzgebiets zu Mexiko im US-Kino der 1910er Jahre
       Olaf Stieglitz (Köln)
   10:45 Uhr: Das Gedächtnis einer Transnation
       Die mexikanische Küste als Kontaktzone
       Sergej Gordon (Eichstätt)
   11:40 Uhr: Grenzüberschreitung als Kriegsmetapher
       Die Frontier zwischen Mexiko und den USA in Sicario
       Martin Holtz (Greifswald)
   12:25 Uhr: Stimmen von der anderen Seite
       Grenzüberschreitungen in Roberto Minervini’s The other Side
       Severin Müller (Mainz)

14:30 Uhr: Filmprogramm: Grenzerfahrungen

       * Kuratiert und vorgestellt von Klaas Dierks (Bremen)
       * mit Gästen
   Neighbours
       Norman McLaren, CAN 1952, 9 Min.
   Die Grenze
       Franz Winzentsen, D 1995, 3 Min.
   |  Grenzzone
       Lutz Homann, D 1992, 10 Min.
   |  Preservation
       Annagul Beschareti, D 2017, 7 Min.
   On Standardisation. Or how to be sure us humans win the final battle against nature
       Bruno Siegrist, D 2017, 11 Min.
   |  A Set of Non-Computable Things
       Charlotte Eifler, D 2017, 21 Min.

16:30 Uhr: Film zu Forum 3

   Redes - Netze
       MEX 1936, R: Fred Zinnemann & Emilio Gómez Muriel, 63 Min, OmU
       * mit Einführung von Sergej Gordon

19:30 Uhr: Film zu Forum 2

   Les Sauteurs – Those who jump
       DK 2016, R: Moritz Siebert, 82 Min, OmU
       * mit Einführung von A. Marklund * und anschließendem Gespräch mit Abu Bakar Sidibé

22:00 Uhr: Filmmuseum on Location

   No Country for old men
       USA 2007, R: Ethan & Joel Coen, 122 Min, OV * mit Einf. von L. Soberon
       * in Kooperation mit dem österreichischen Filmmuseum

Sonntag, 29.04.2018

10:00 Uhr: Forum 4: Genre-Grenzen

   10:00 Uhr: Postkoloniale Dispositive
       Black Cinema als transgressives Kino
       Ivo Ritzer (Bayreuth)
   10:45 Uhr: Building Borders
       American Action Thriller and the Politics of Space
       Lennart Soberon (Gent) * in englischer Sprache

11:30 Uhr: Filmprogramm film:art 81: Border Lines & Border Crossings

       * kuratiert und vorgestellt von Christine Rüffert (Bremen)
       * mit anschließendem Gespräch mit Moslem Salmani
   Best of Luck with the Wall
       Josh Begley, USA 2016, 7 Min.
   |  Koropa
       Kaura Henno, F 2016, 19 Min.
   Dirty Pictures (Hotel Diarys #6)
       John Smith, Palästina 2007, 14 Min.
   Women in Sink
       Iris Zaki, ISR/GB 2015, 36 Min.
   Exposure
       Treasa O'Brien & Moslem Salmani, GR 2016, 1 Min.

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